Canva vs Figma 2026: zwei Demokratien, eine Frage zu Ihren Designs
Im Jahr 2022 stellten mehrere chinesische Figma-Nutzer eines Morgens fest, dass ihre Konten gesperrt worden waren. Darunter war der Drohnenhersteller DJI, den die Vereinigten Staaten auf ihre Entity List sanktionierter Unternehmen gesetzt hatten, und Figma setzte die US-Exportkontrollvorschriften ohne lange Vorwarnung um. Die Episode, die in China die Entwicklung heimischer Klone wie MasterGo und Pixso beschleunigte, zeigt etwas, das sich nur wenige europäische Designteams bei der Wahl ihres Werkzeugs fragen: Designdateien liegen nicht auf dem Rechner der Designerin oder des Designers, sondern auf Servern, die dem Recht eines bestimmten Landes unterliegen, und dieses Recht kann über Nacht entscheiden, wer Zugriff darauf hat. Canva, in Sydney gegründet, zählt inzwischen weltweit mehr als 220 Millionen monatliche Nutzer. Figma mit Sitz in San Francisco ging im Juli 2025 an die New Yorker Börse, nachdem die Übernahme durch Adobe für 20 Milliarden Dollar Ende 2023 gescheitert war, faktisch blockiert von europäischen und britischen Wettbewerbsbehörden. Beide Unternehmen stammen aus vollständigen oder nahezu vollständigen Demokratien: Australien erreicht im Demokratieindex der Economist Intelligence Unit (EIU) 8,86 Punkte, die Vereinigten Staaten 7,85. Beide liegen damit über der Schwelle von 6,0, die Democratic Market anwendet. Doch über der Schwelle zu liegen heißt nicht, dass Ihre Designs, Ihre Markenwerte und die Daten Ihrer Kunden europäischem Recht unterliegen. Dieser Vergleich untersucht, was mit dem geschieht, was Sie auf der jeweiligen Plattform gestalten, und welche europäischen Alternativen es 2026 gibt.
Warum die demokratische Herkunft bei einem Webdesign-Tool zählt
Bei einem physischen Produkt misst man die demokratische Herkunft in der Fabrik. Bei einem Cloud-Dienst misst man sie auf drei Ebenen: am Sitz des Unternehmens, am Standort der Datenhaltung und am Rechtsrahmen, der Behörden den Zugriff erlaubt. Für ein Designwerkzeug sind diese Ebenen keineswegs abstrakt. Eine Figma-Datei oder ein Canva-Projekt enthält Prototypen noch nicht veröffentlichter Produkte, Markenidentitäten in Entwicklung, Screenshots mit Kundendaten, Entwürfe für Banking- oder Gesundheits-Apps und zunehmend auch das Material, mit dem Modelle künstlicher Intelligenz trainiert werden. In den Vereinigten Staaten erlaubt der CLOUD Act von 2018 Behörden, Daten von US-Unternehmen anzufordern, selbst wenn diese im Ausland gespeichert sind, und Section 702 des FISA, 2024 verlängert, deckt die Überwachung der Kommunikation von Nicht-US-Bürgern. In Australien verpflichtet der Assistance and Access Act von 2018 Technologieunternehmen zur Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden, bis hin zum Aufbau technischer Zugriffsmöglichkeiten. Keines dieser Gesetze macht Australien oder die USA zu autoritären Staaten, und beide verfügen über unabhängige Gerichte und eine freie Presse, die Übergriffe begrenzt und aufgedeckt haben. Sie bedeuten aber, dass ein europäisches Designstudio, das mit sensiblen Daten arbeitet, wissen muss, wo seine Dateien liegen und welcher Rahmen für internationale Datenübermittlungen sie schützt. Genau hier zeigen sich konkrete Unterschiede zwischen Canva und Figma, und genau hier gewinnen europäische Alternativen an Bedeutung. Die deutschen Datenschutzaufsichtsbehörden haben in den vergangenen Jahren wiederholt darauf hingewiesen, dass Cloud-Dienste außereuropäischer Anbieter eine sorgfältige Prüfung erfordern.
Canva: Massendesign aus Australien mit leiser europäischer Expansion
Canva wurde in Sydney von Melanie Perkins, Cliff Obrecht und Cameron Adams gegründet und 2013 mit einem einfachen Versprechen gestartet: Grafikdesign, ohne Design gelernt zu haben. 2026 ist es das weltweit meistgenutzte Werkzeug für Social-Media-Grafiken, Präsentationen, Marketingunterlagen und zunehmend auch einfache Websites über Canva Websites. Australien (8,86) ist eine vollständige Demokratie mit einer aktiven Datenschutzbehörde und einer 2024 verabschiedeten Reform des Datenschutzrechts. Das demokratische Profil hat dennoch Nuancen. Für Australien gibt es keinen Angemessenheitsbeschluss der Europäischen Kommission, sodass Übermittlungen personenbezogener Daten aus der EU nach Australien auf Standardvertragsklauseln gestützt werden müssen statt auf eine allgemeine Anerkennung gleichwertigen Schutzes. Ein Großteil der Infrastruktur von Canva läuft auf Amazon Web Services, mit Datenhaltung überwiegend in den Vereinigten Staaten, sodass auch US-Recht ins Spiel kommt. 2019 erlitt das Unternehmen einen Sicherheitsvorfall, bei dem Daten von rund 139 Millionen Nutzern offengelegt wurden, und ging damit öffentlich um. Seine Expansion hatte zudem eine bemerkenswerte europäische Komponente: Canva kaufte das tschechische Smartmockups (Tschechien: 7,68), das österreichische Kaleido, Entwickler von remove.bg (Österreich: 8,60), und das britische Datenvisualisierungsunternehmen Flourish, und übernahm 2024 Affinity, die professionelle Suite von Serif aus Nottingham (Vereinigtes Königreich: 8,28), die seit Ende 2025 kostenlos verteilt wird. Beim Thema künstliche Intelligenz erklärt Canva, seine Modelle nicht ohne Zustimmung mit privaten Nutzerinhalten zu trainieren, und bietet dafür eine Datenschutzeinstellung an.
Figma: der professionelle Standard im Interface-Design, unter US-Recht
Figma, 2012 von Dylan Field und Evan Wallace gegründet, wurde dank einer technischen Idee zum Standardwerkzeug im Interface-Design: ein Vektoreditor, der im Browser läuft und mehreren Personen gleichzeitiges Arbeiten an derselben Datei erlaubt. 2026 dominiert Figma das digitale Produktdesign, Designsysteme und die Übergabe vom Design an die Entwicklung. Seit 2025 hat das Unternehmen seine Reichweite mit Figma Sites, zum direkten Veröffentlichen von Websites, und Figma Make, zum Erzeugen von Prototypen mit KI, erweitert. Die Vereinigten Staaten (7,85) liegen über der Schwelle von Democratic Market, und Datenübermittlungen aus der EU stützen sich auf das EU-US Data Privacy Framework, das 2023 angenommen und im September 2025 vom Gericht der Europäischen Union bestätigt wurde, aber weiterhin neuen Klagen ausgesetzt ist. Zwei Episoden prägen das Risikoprofil. Die erste ist die Sperrung der Konten sanktionierter chinesischer Unternehmen 2022, die zeigte, dass der Zugriff auf Dateien von der US-Außenpolitik abhängt. Die zweite ist die 2024 angekündigte Richtlinie zum KI-Training: In den Tarifen Starter und Professional war die Nutzung von Kundeninhalten für das Training standardmäßig aktiviert, wobei Administratoren widersprechen konnten, während sie in den Tarifen Organization und Enterprise standardmäßig deaktiviert war. Für Freiberufler oder kleine Studios bedeutet das, dass die Datenschutzeinstellungen aktiv geprüft werden müssen. Als börsennotiertes Unternehmen seit 2025 steht Figma zudem unter dem Quartalsdruck der Kapitalmärkte, was sich erfahrungsgemäß in Preis- und Lizenzänderungen niederschlägt.
Alternativen mit demokratischem Risiko: CapCut, MasterGo und Pixso
Zur Vervollständigung des Bildes lohnt der Blick auf Werkzeuge, die unseren Filter nicht bestehen. CapCut, im Besitz von ByteDance, ist mit einem sehr großzügigen Gratisangebot zu einem direkten Konkurrenten von Canva bei Social-Media-Vorlagen und Kurzvideos geworden. Das Entscheidungszentrum von ByteDance liegt in China (EIU 1,94), wo das Nationale Geheimdienstgesetz von 2017 Organisationen und Bürger zur Zusammenarbeit mit den staatlichen Nachrichtendiensten verpflichtet, ohne dass unabhängige Gerichte diese Pflicht begrenzen könnten. Die Aktualisierung der Nutzungsbedingungen im Jahr 2025, die dem Unternehmen eine sehr weitgehende Lizenz an Nutzerinhalten einräumte, stieß bei professionellen Kreativen auf Kritik. Im Interface-Design entstanden MasterGo und Pixso nach den Sperrungen von 2022 als chinesische Alternativen zu Figma. Sie bieten sehr ähnliche Funktionen zu niedrigen Preisen und werden in Schwellenländern beworben, speichern die Daten aber unter chinesischer Rechtshoheit. Bei Democratic Market sind sie alle gesperrt. Nicht wegen der Qualität der Software, die hoch ist, sondern weil Designdateien damit einem Rechtsrahmen unterliegen, in dem es keine unabhängige gerichtliche Kontrolle über staatliche Datenzugriffe gibt.
Technischer Vergleich: Funktionen, Preis und demokratisches Profil
Nebeneinander gestellt, bedienen die Werkzeuge unterschiedliche Bedürfnisse. Canva (Australien 8,86) ist die beste Wahl für Marketing- und Kommunikationsteams ohne Designausbildung: Tausende Vorlagen, Videoeditor, Markenkits, Bildgenerierung und ein Pro-Tarif für rund 110 bis 120 Euro pro Person und Jahr. Figma (Vereinigte Staaten 7,85) ist das professionelle Werkzeug für Interface-Design, Prototyping und Designsysteme, mit Komponenten, Variablen, Dev Mode und einer riesigen Community. Der Professional-Tarif kostet etwa 16 Dollar pro Monat und vollem Bearbeitungsplatz, die Tarife Organization und Enterprise ein Vielfaches davon. Penpot (Spanien 7,94) ist die europäische Open-Source-Alternative zu Figma, entwickelt vom Madrider Unternehmen Kaleidos. Es arbeitet mit offenen Standards wie SVG, CSS und HTML, bietet Komponenten sowie Flex- und Grid-Layout und lässt sich auf eigenen Servern betreiben oder in der Cloud nutzen, mit einem kostenlosen Tarif und kostenpflichtigen Teamtarifen. Framer (Niederlande 8,88) mit Sitz in Amsterdam bietet einen Webdesign-Editor mit direkter Veröffentlichung, der mit Figma Sites konkurriert. Affinity (Vereinigtes Königreich 8,28) ist eine inzwischen kostenlose Desktop-Suite für Illustration, Bildbearbeitung und Layout, gehört allerdings Canva. Im Risikoblock sind CapCut, MasterGo und Pixso (China 1,94) gesperrt. Bei der reinen Leistungsfähigkeit liegt Figma im Produktdesign und Canva im Design für Nicht-Designer vorn. Bei der Datensouveränität ist ein selbst betriebenes Penpot die einzige Option, die garantiert, dass Ihre Dateien die von Ihnen kontrollierte Infrastruktur nie verlassen, etwa auf einem Server bei Hetzner oder IONOS in Deutschland.
EU-Recht 2026 für Cloud-Designwerkzeuge
Der europäische Rechtsrahmen für diese Plattformen ist in den vergangenen zwei Jahren deutlich dichter geworden. Die Datenschutz-Grundverordnung bleibt die Grundlage: Jede Designdatei mit personenbezogenen Daten, vom Kundenfoto bis zum Datenbank-Screenshot, benötigt eine Rechtsgrundlage und Garantien für internationale Übermittlungen. Der Data Act, die Verordnung (EU) 2023/2854, anwendbar seit dem 12. September 2025, verpflichtet Cloud-Anbieter, den Anbieterwechsel und die Datenübertragbarkeit zu erleichtern, und sieht ab Januar 2027 den vollständigen Wegfall von Wechselentgelten vor. Das stärkt die Position von Nutzern, die von Figma oder Canva auf eine andere Plattform umziehen wollen. Die KI-Verordnung, die Verordnung (EU) 2024/1689, verpflichtet seit dem 2. August 2026 Anbieter von Systemen, die Bilder, Videos oder Texte erzeugen, zu Transparenz: Synthetische Inhalte müssen maschinenlesbar gekennzeichnet werden, was die generativen KI-Funktionen von Canva und Figma direkt betrifft. Der European Accessibility Act, in Deutschland durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz umgesetzt und seit dem 28. Juni 2025 anwendbar, verlangt, dass viele Websites und Apps im E-Commerce und bei Dienstleistungen Barrierefreiheitsanforderungen erfüllen. Damit wird die Fähigkeit eines Werkzeugs, barrierefreies Interface-Design zu unterstützen, zu einem professionellen Kriterium. Schließlich verpflichtet die NIS2-Richtlinie, in Deutschland über das NIS2-Umsetzungsgesetz eingeführt, wesentliche Sektoren zu Cybersicherheit in der Lieferkette, sodass auch ihre Designdienstleister begründen müssen, wo und wie Dateien geschützt sind. Für öffentliche Auftraggeber in Deutschland ist zudem der C5-Kriterienkatalog des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik eine wichtige Referenz bei der Bewertung von Cloud-Diensten.
Wie Democratic Market Designwerkzeuge bewertet
Unsere Methodik für Software als Dienstleistung überträgt den demokratischen Filter auf eine immaterielle Lieferkette. Der erste Faktor ist das Land des Unternehmenssitzes und des Entscheidungszentrums, einschließlich der kontrollierenden Anteilseigner: Liegt es in einem Land mit einem EIU-Wert unter 6,0, wird das Werkzeug gesperrt. Der zweite Faktor ist die Rechtshoheit über die Datenhaltung und die Frage, ob es eine Option zur Speicherung in der EU gibt; dabei gewichten wir auch, ob für das Land der Datenhaltung ein europäischer Angemessenheitsbeschluss besteht. Der dritte Faktor ist die Möglichkeit des Selbstbetriebs und die Nutzung offener Formate, die bestimmen, ob Nutzer ihre Arbeit mitnehmen und ohne Abhängigkeit vom Anbieter weiterführen können. Der vierte ist die Richtlinie zum KI-Training: Wir bewerten positiv, wenn die Nutzung von Kundeninhalten standardmäßig deaktiviert und klar dokumentiert ist. Der fünfte ist institutionelle Transparenz: Transparenzberichte zu behördlichen Datenanfragen, öffentlicher Umgang mit Sicherheitsvorfällen und stabile Lizenzbedingungen. Nach diesen Kriterien bestehen Canva und Figma den Filter mit mittleren Werten, mit Abzügen für die Datenhaltung außerhalb der EU und bei Figma für das standardmäßig aktivierte KI-Training in kleineren Tarifen. Penpot erreicht den besten Wert der Kategorie, gefolgt von Framer.
Praktischer Leitfaden zur Wahl eines Designwerkzeugs nach demokratischen Kriterien
Der erste Schritt ist, die tatsächliche Nutzung zu klären. Produziert Ihr Team vor allem Social-Media-Beiträge, Präsentationen und Marketingmaterial, reichen Canva oder eine vorlagenbasierte Alternative. Gestalten Sie Produktoberflächen gemeinsam mit Entwicklern, brauchen Sie Figma oder Penpot. Der zweite Schritt ist die Einordnung der Daten, mit denen Sie arbeiten: Ein Studio, das für Banken, Gesundheitswesen, Bildung oder öffentliche Verwaltung gestaltet, sollte die Datensouveränität priorisieren, während ein kleiner Betrieb, der Plakate für sein Geschäft entwirft, mehr Risiko eingehen kann. Der dritte Schritt ist die Prüfung der Datenschutzeinstellungen des gewählten Werkzeugs, insbesondere des Schalters für das KI-Training, und die Dokumentation dieser Entscheidung im Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten. Der vierte Schritt ist ein Test von Penpot an einem echten Projekt. Die Lernkurve ist für Umsteiger von Figma kurz, und Figma-Dateien lassen sich mit Migrationswerkzeugen importieren, wobei die Genauigkeit bei komplexen Komponenten geprüft werden sollte. Der fünfte Schritt ist, exportierte Kopien kritischer Dateien in offenen Formaten wie SVG oder PDF in europäischem Speicher vorzuhalten, um nie von einer einzigen Plattform abhängig zu sein. Der sechste Schritt, für Agenturen, ist eine Vertragsklausel gegenüber Kunden, die die genutzten Cloud-Werkzeuge und deren Rechtshoheit benennt, etwas, das Kunden aus regulierten Branchen bereits zunehmend verlangen.
Fazit: welches Designwerkzeug wir demokratischen Verbrauchern empfehlen
Canva und Figma sind zwei hervorragende Werkzeuge aus Demokratien, und keines von beiden wird von Democratic Market gesperrt. Canva mit Sitz in Australien (8,86) hat den besseren Herkunftswert der beiden, und seine europäischen Engagements bei Affinity, Flourish oder remove.bg sind real. Figma unter US-Recht (7,85) ist das leistungsfähigere Profiwerkzeug, verlangt aber eine Prüfung seiner Richtlinie zum KI-Training. Unsere praktische Empfehlung für 2026 lautet: Für Interface-Design in europäischen Teams mit sensiblen Daten bietet Penpot, idealerweise selbst betrieben bei einem europäischen Hoster, das beste demokratische Profil bei bereits ausgereiftem Funktionsumfang. Für die Veröffentlichung von Websites mit einem visuellen Editor ist Framer aus Amsterdam eine solide europäische Alternative. Für schnelles Grafikdesign ohne Vorkenntnisse bleibt Canva die praktischste Option, mit überprüften Datenschutzeinstellungen. Und wenn Ihr Arbeitsablauf von Figma abhängt, nutzen Sie es in einem Tarif mit deaktiviertem KI-Training und halten Sie exportierte Kopien vor. Meiden Sie CapCut, MasterGo und Pixso für jede professionelle oder Kundenarbeit. Im Jahr 2026 ist die Entscheidung, wo Ihre Designs gespeichert werden, ebenso strategisch wie die Entscheidung, wer sie gestaltet.

