Gedruckte Bücher 2026: 40 Prozent der in Europa verkauften Bildbände und Kinderbücher werden in China gedruckt
Im Jahr 2019 stellten mehrere australische Verlage fest, dass ihre chinesischen Druckereien ihnen Druckdaten mit einer Liste verbotener Begriffe zurückschickten: Tiananmen, Dalai Lama, Taiwan, Xinjiang. Die Druckereien lehnten nicht aus technischen Gründen ab. Jedes Werk, das in China (EIU 2,12) durch eine Druckmaschine läuft, unterliegt den Vorschriften der staatlichen Presse- und Publikationsbehörde, auch wenn es Tausende Kilometer entfernt verkauft werden soll. Diese Episode, über die australische und britische Medien ausführlich berichteten, bringt die verborgene politische Dimension eines scheinbar neutralen Gegenstands auf den Punkt. Der europäische Markt für gedruckte Bücher erzielte 2024 nach Angaben des Verbands der Europäischen Verleger mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz, und rund 60 Prozent der in der EU verkauften Exemplare werden in Europa gedruckt. Die übrigen 40 Prozent, vor allem Kinderbücher, Bilderbücher, Kochbücher, Comics und farbige Kunstbände, entstehen jedoch überwiegend in den Provinzen Guangdong und Zhejiang, in Druckereien wie Leo Paper oder C&C Offset. Wem wichtig ist, woher die Ideen stammen, die er liest, dem sollte auch wichtig sein, wo sie gedruckt werden.
Warum die demokratische Herkunft beim gedruckten Buch zählt
Ein Buch ist kein Haushaltsgerät. Sein Wert liegt im Inhalt, und genau den will ein autoritäres Regime kontrollieren. Schickt ein europäischer Verlag einen Atlas, eine Graphic Novel oder ein Geschichtsbuch zum Druck nach China, akzeptiert er stillschweigend, dass ein Dritter mit Zensurpflichten den Text prüft, bevor er auf die Druckplatte kommt. Manche Verlage haben Karten oder Absätze gestrichen, um Verzögerungen zu vermeiden, andere haben die Druckerei gewechselt. Zu dieser redaktionellen Dimension kommt die Frage der Rohstoffe. Papier ist Zellstoff, und Zellstoff ist Wald. Die Europäische Kommission schätzt, dass der Konsum in der EU für einen erheblichen Teil der importierten Entwaldung verantwortlich ist, und billiges gestrichenes Papier stammt mitunter aus Akazien- und Eukalyptusplantagen in Indonesien (EIU 6,71), die historisch mit der Rodung von Tropenwald verbunden waren. Und schließlich geht es um Arbeitsplätze. Die europäische Druckindustrie beschäftigt mehr als 600.000 Menschen, und Standorte wie Barcelona, Verona, Pößneck oder Český Těšín sind darauf angewiesen, dass Verlage weiterhin in der Nähe drucken lassen. In Deutschland betrifft das traditionsreiche Druckregionen von Thüringen bis Westfalen. Wer Bücher wählt, die in vollständigen Demokratien gedruckt wurden, schützt damit zugleich die Meinungsfreiheit, den Wald und ein industrielles Gefüge, das sich, einmal verloren, kaum wieder aufbauen lässt.
Die besten demokratischen Druckereien und Papierfabriken Europas
Deutschland (EIU 8,58), die Heimat Gutenbergs, verfügt nach wie vor über Branchenriesen wie GGP Media im thüringischen Pößneck und Mohn Media in Gütersloh, die beide zum Bertelsmann-Konzern gehören und Jahr für Jahr Hunderte Millionen Bücher drucken. Spanien (EIU 8,13) ist der große Drucker spanischsprachiger Bücher und ein bedeutender Exporteur: Liberdúplex in Sant Llorenç d'Hortons druckt einen Großteil der in Spanien verkauften Romane, Romanyà Valls in Capellades verbindet Tradition mit industriellen Auflagen, und Cayfosa in Santa Perpètua de Mogoda arbeitet für Gruppen wie Planeta oder Penguin Random House. Italien (EIU 7,67) dominiert den Kunstband: Conti Tipocolor in Florenz, EBS in Verona und Grafiche Antiga bei Treviso drucken Museumskataloge und Monografien in einer Farbqualität, die weltweit nur wenige Betriebe erreichen, während Grafica Veneta bei Padua Millionen Exemplare für britische und amerikanische Verlage herstellt. Tschechien (EIU 7,82) hat sich mit Finidr in Český Těšín zu einer Referenz für illustrierte Auflagen entwickelt, die Verlage aus ganz Europa beliefert. Beim Papier führen Finnland (EIU 9,20) und Schweden (EIU 9,39) mit UPM, Stora Enso, Holmen und Arctic Paper, dessen Werk in Munkedal das Munken-Papier herstellt, das Tausende Literaturverlage wegen seines cremefarbenen Tons und seiner zertifizierten Waldherkunft verwenden.
Jenseits der großen Namen besitzt Europa ein dichtes Netz mittelgroßer Druckereien, das die Vielfalt der Verlagslandschaft trägt. In Frankreich (EIU 7,99) druckt die CPI-Gruppe in Bussière bei Saint-Amand-Montrond einen großen Teil der französischen Taschenbücher, und Maury Imprimeur in Malesherbes arbeitet für fast alle großen Pariser Verlage. Dieselbe CPI-Gruppe betreibt im schleswig-holsteinischen Leck die Druckerei Clausen & Bosse sowie einen Standort in Croydon im Vereinigten Königreich (EIU 8,54). In Portugal (EIU 7,90) druckt Bloco Gráfico in Maia bei Porto für portugiesische, spanische und französische Verlage zu sehr wettbewerbsfähigen Preisen. Polen (EIU 7,30) hat in den letzten zehn Jahren britische, skandinavische und deutsche Verlage angezogen, dank Druckereien wie Opolgraf in Opole oder Abedik in Poznań, die Hardcover-Bindungen zu Kosten anbieten, die man vor fünfzehn Jahren nur in Asien fand. Dieses Netz sorgt dafür, dass ein kleiner Verlag in Leipzig, Valencia oder Lyon stets eine demokratische Druckerei für seine Auflage findet, von 300 Exemplaren im Digitaldruck bis zu 100.000 im Offset, ohne Kontinente zu überqueren. Es ist auch der Grund, warum das europäische Buch der massiven Verlagerung nach Asien, die Textil- und Spielwarenindustrie in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgehöhlt hat, besser widerstanden hat.
Die demokratischen Risiken des Buches: chinesische Druckereien und nicht rückverfolgbares Papier
Das Hauptrisiko ist nicht die Qualität. Druckereien in Heshan, Dongguan oder Shenzhen bieten exzellenten Druck, aufwendige Bindungen und Pop-up- oder Fühlbücher, die in Europa deutlich teurer wären. Das Risiko ist politischer Natur und betrifft die Rückverfolgbarkeit. Neben der dokumentierten Vorzensur hat Hongkong, jahrzehntelang die „freie“ Alternative für den Druck in Asien, diesen Status mit dem Nationalen Sicherheitsgesetz von 2020 verloren, das zur Schließung unabhängiger Verlage und Buchhandlungen in der Stadt geführt hat. Das zweite Risiko ist das Papier. Asia Pulp & Paper, der große indonesische Papierkonzern, wurde 2007 wegen Entwaldung aus der FSC-Zertifizierung ausgeschlossen und hat erst in den letzten Jahren unter strengen Auflagen ein Wiederaufnahmeverfahren begonnen. Ein in China gedrucktes Buch auf Papier unbekannter Herkunft kann beide Probleme vereinen: Zensur im Inhalt und Tropenwald in den Seiten. Das dritte Risiko betrifft die Arbeitsbedingungen. Berichte von Organisationen wie China Labor Watch haben Arbeitswochen von mehr als 60 Stunden in Druckereien dokumentiert, die in der Hochsaison für große Spielwaren- und Kinderbuchmarken produzieren. Nichts davon ist auf dem Buchrücken sichtbar, abgesehen von einer unauffälligen Zeile: „Printed in China“.
Vergleich: Preis, Lieferzeit und demokratisches Profil des Druckorts
Für einen Roman als Taschenbuch in Schwarz-Weiß ist der Druck in Deutschland, Spanien, Portugal oder Polen genauso wettbewerbsfähig wie in Asien. Die Druckkosten pro Exemplar liegen bei Auflagen von 3.000 bis 5.000 Stück meist zwischen 1 und 2 Euro, und der Transport aus China würde jede Ersparnis zunichtemachen. Der Unterschied zeigt sich bei durchgehend farbigen Büchern mit aufwendiger Bindung. Bei einem 32-seitigen gebundenen Kinderbuch kann der Druck in China die Produktionskosten um 20 bis 35 Prozent senken, verlängert aber den Seetransport um sechs bis zehn Wochen und bindet das Kapital des Verlags während dieser Zeit. Tschechische, polnische und baltische Druckereien wie Livonia Print in Lettland sind zum Mittelweg geworden: Preise 10 bis 20 Prozent über asiatischem Niveau, Lieferzeiten von zwei bis vier Wochen auf der Straße und ein vollständig demokratisches Profil. Italien und Deutschland bilden das obere Segment, mit der besten Farbwiedergabe für Kunst- und Fotobände. Für Leserinnen und Leser ist das Ergebnis eindeutig: Der Mehrpreis eines in Europa gedruckten Bildbands beträgt im Ladenpreis selten mehr als ein oder zwei Euro, bei Romanen und Sachbüchern ist er praktisch null.
Der Digitaldruck verschiebt das Gleichgewicht zusätzlich in Richtung Europa. Print-on-Demand-Dienste wie Books on Demand im schleswig-holsteinischen Norderstedt oder die Digitaldrucklinien von CPI und Liberdúplex können heute ein einzelnes Taschenbuch innerhalb von 48 Stunden herstellen. Damit entfällt das wichtigste wirtschaftliche Argument für lange Auflagen in Übersee, nämlich die Notwendigkeit, Tausende Exemplare im Voraus zu drucken, um den Stückpreis zu senken. Für Wissenschaftsverlage, Backlist-Titel und kleine Literaturverlage bedeutet das, dass Bücher dauerhaft lieferbar bleiben können, ohne Lager voller unverkaufter Exemplare und ohne dass irgendein Produktionsschritt die Europäische Union verlässt. Auch die Umweltbilanz verbessert sich, weil das Einstampfen unverkaufter Exemplare, das bei manchen Auflagen noch rund 20 Prozent betrifft, deutlich seltener wird. Für die Leserschaft sieht ein Print-on-Demand-Buch in der Regel genauso aus wie ein Offsetdruck, wird aber wenige Hundert statt zehntausend Kilometer entfernt hergestellt.
EU-Recht 2026 für gedruckte Bücher
Bücher sind stärker von europäischen Vorschriften betroffen, als man denkt. Die EU-Entwaldungsverordnung (EU 2023/1115) erfasst ausdrücklich gedruckte Bücher, Zeitungen und Bilder aus Kapitel 49 des Zolltarifs; nach zwei Verschiebungen soll sie für große Marktteilnehmer ab dem 30. Dezember 2026 gelten und verpflichtet Verlage, die Bücher importieren, per Geolokalisierung nachzuweisen, dass der Zellstoff nicht von nach 2020 entwaldeten Flächen stammt. Die Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (EU 2023/988), seit Dezember 2024 anwendbar, verlangt für jedes in der EU verkaufte Buch einen verantwortlichen Wirtschaftsakteur innerhalb der Union, was vor allem für Kinderbücher mit Teilen, Geräuschen oder beweglichen Elementen relevant ist. Der European Accessibility Act, in Deutschland als Barrierefreiheitsstärkungsgesetz umgesetzt und seit dem 28. Juni 2025 anwendbar, betrifft E-Books und Online-Buchhandelsplattformen. Die Zwangsarbeitsverordnung (EU 2024/3015) wird ab Dezember 2027 erlauben, Produkte vom Markt zu nehmen, die mit Zwangsarbeit verbunden sind, einschließlich Papier und Druck. In Deutschland schützt zudem das Buchpreisbindungsgesetz den stationären Buchhandel, weil neue Bücher überall zum selben Preis verkauft werden müssen.
Wie Democratic Market gedruckte Bücher bewertet
Unsere Bewertung eines Buches kombiniert drei Ebenen. Die erste ist das im Impressum angegebene Druckland, das 50 Prozent der Punktzahl ausmacht, weil dort die Kontrolle über den Inhalt und der größte Teil der industriellen Wertschöpfung liegen. Die zweite ist die Herkunft des Papiers mit 30 Prozent: Wir berücksichtigen FSC- oder PEFC-Zertifizierung, den Einsatz von Recyclingpapier mit Siegeln wie dem Blauen Engel oder dem EU-Umweltzeichen für Druckerzeugnisse sowie die Papierfabrik, sofern der Verlag sie angibt. Die dritte Ebene mit 20 Prozent ist der Verlag selbst: sein Sitz, seine Druckpolitik und seine Transparenz. Ein Verlag, der auf seiner Website angibt, wo jede Reihe gedruckt wird, oder sich verpflichtet, in Europa zu drucken, erhält eine höhere Bewertung. Auf das Druckland wenden wir die EIU-Schwelle von 6,0 an. Ein in China gedrucktes Buch empfehlen wir in unserem Katalog nicht, auch wenn der Verlag europäisch ist, es sei denn, es gibt keine alternative Ausgabe dieses Werks. In diesem Fall versehen wir es mit einem Hinweis und schlagen das E-Book oder eine frühere, in Europa gedruckte Ausgabe vor, die im Antiquariat meist erhältlich ist.
Praktischer Kaufratgeber: So wählen Sie in Demokratien gedruckte Bücher
Der erste Schritt besteht darin, das Buch vor dem Kauf aufzuschlagen. Im Impressum steht neben der ISBN fast immer das Druckland und oft auch der Name der Druckerei. „Gedruckt in Deutschland“, „Printed in the Czech Republic“, „Stampato in Italia“ oder „Impreso en España“ sind verlässliche Signale; „Printed in China“ oder „Printed in PRC“ weisen in die andere Richtung. Der zweite Schritt ist der Blick auf die FSC- oder PEFC-Logos und den zugehörigen Lizenzcode, der sich in der öffentlichen Datenbank des jeweiligen Systems überprüfen lässt. Der dritte Schritt: Bevorzugen Sie unabhängige Buchhandlungen. Dank Buchpreisbindung kostet das Buch dort genauso viel wie bei einer großen Plattform, und die Marge bleibt in Ihrem Viertel; Plattformen wie genialokal.de ermöglichen Onlinebestellungen bei der Buchhandlung vor Ort. Der vierte Schritt betrifft Kinder- und Kochbücher: Vergleichen Sie Ausgaben, denn viele übersetzte Werke haben eine in Europa und eine in Asien gedruckte Ausgabe. Und fünftens: Prüfen Sie bei Kunstbänden die technischen Angaben des Verlags, wo Taschen, Hatje Cantz oder Gestalten die Druckerei des jeweiligen Titels meist nennen.
Ein zusätzliches Qualitätsmerkmal, das gerade in Deutschland an Bedeutung gewinnt, ist der Blaue Engel für Druckerzeugnisse (DE-UZ 195). Er verlangt nicht nur Recyclingpapier oder zertifizierten Frischfaserzellstoff, sondern auch mineralölfreie Druckfarben, emissionsarme Klebstoffe und eine gute Recyclingfähigkeit des fertigen Buches. Verlage wie der Münchner oekom verlag haben ihr gesamtes Programm danach ausgerichtet und zeigen, dass ökologisch und demokratisch konsequente Buchproduktion wirtschaftlich tragfähig ist. Weil das Siegel nur an Druckereien vergeben wird, die in einem überprüfbaren Verfahren zertifiziert sind, liegt der Druckort solcher Bücher fast immer in Deutschland oder einem Nachbarland. Für Käuferinnen und Käufer ist der Blaue Engel damit ein praktischer Doppelindikator: Er steht für saubere Materialien und, indirekt, für eine kurze, nachvollziehbare und demokratische Lieferkette.
Fazit: Welche Bücher Sie 2026 kaufen sollten, wenn Ihnen Demokratie wichtig ist
Die gute Nachricht: Demokratisch orientierte Leserinnen und Leser haben es leichter als Käufer von Elektronik. Wer Romane, Sachbücher oder Lyrik liest, findet in einer deutschen Buchhandlung überwiegend Titel, die in Deutschland, Tschechien, Polen oder einem anderen EU-Land auf nordischem oder mitteleuropäischem Papier gedruckt wurden, und ein Blick ins Impressum genügt zur Bestätigung. Wer Bildbände, Kunst- oder Kochbücher kauft, sollte Titel aus italienischem, deutschem, tschechischem oder spanischem Druck bevorzugen, auch wenn sie ein bis zwei Euro mehr kosten, und bei Kinderbilderbüchern mit dem Vermerk „Printed in China“ zu einer Alternative greifen, wenn es eine gibt. Lehrkräfte und Bibliotheken können das Druckland in ihre Beschaffungskriterien aufnehmen, was die EU-Vergaberichtlinie als Nachhaltigkeitskriterium erlaubt. Und wer seinen Fußabdruck minimieren möchte, nutzt Antiquariate und öffentliche Bibliotheken, die die Lebensdauer jedes Exemplars vervielfachen. Ein in einer Demokratie gedrucktes Buch garantiert kein gutes Buch, aber es garantiert, dass niemand für Sie entschieden hat, welche Wörter die Seite erreichen durften. Bei Democratic Market sind wir überzeugt, dass diese Garantie, die sehr wenig kostet, Teil jedes Kaufs sein sollte.
